Spurensuche 26.10.2026

Im Handumdrehen
"Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem."
(Römerbrief 12,21)
Böses mit Gutem überwinden! - Wenn das mal eben so im Handumdrehen ginge!
Das dachte ich mir auch, als sich der Vorhang der Kinoleinwand nach dem Film „Vaterland“ wieder schloss. Aber die Redewendung "im Handumdrehen" bezieht sich auf etwas Einfaches, schnell erledigt. Das funktioniert nicht in den großen gesellschaftlichen Konflikten, Kriegen und unendlich tiefen Verletzungen durch Gewalt scheint eine solche Formulierung völlig fehl am Platz.
Obwohl ich es in meinem Leben auf seelischer Ebene schon erlebt habe, wie gut eine bewusste „Handumdreh-Übung“ tun kann: Wenn ich einen Gedanken an etwas Belastendes festhalte und ihn nicht loslassen kann, dann balle ich meine Faust ganz bewusst und fest und nehme den Schmerz mit hinein. Die einfache Übung meine Hand dann bewusst umzudrehen, zu öffnen und die freie Handfläche anzuschauen, hilft mir ganz persönlich.
Davon ist ein Problem, ein seelischer Schmerz, etwas Erlebtes nicht einfach weg!
Aber es kann sich in mir verändern, vielleicht einen anderen Ort bekommen - im Handumdrehen.
Es gibt jedoch auch andere Dimensionen des Bösen.
Sie brauchen anderes Hinschauen, Hinterfragen, Eingreifen.
Die Philosophin Hannah Arendt unterschied zwei Arten von „Bösem“ in ihrer Forschung.
Sie wollte verstehen, wie Menschen im Totalitarismus zu solch bösen Taten fähig waren. Wie die Verbrechen im Nationalismus passieren konnten. "Denken ohne Geländer" sagte sie dazu, weil es auch bedeuten kann: "dahin zu denken, wo es wehtut.“, wie sie selbst sagte.
So spricht sie vom „radikalem Böse“, das kaum zu vergeben oder zu bestrafen ist, weil es sich von allem Normalen oder menschlich Nachvollziehbarem abspaltet.
Anders ist die „Banalität des Bösen“. Diese normalisiert böse Handlungen in totalitären Systemen. Menschen sind dann nicht absichtlich böse, sondern folgen einfach Befehlen, vielleicht einfach nur um eigene berufliche Ziele zu erreichen.
Hier ist ein „Handumdrehen“ zu einem gezeigten STOPP nicht ausreichend.
Aber vielleicht eine kleine mentale Übung, damit ich mich selbst nicht an „Böses“ gewöhne oder es als normal empfinden könnte. Ich werde mir in dieser Woche ganz bewusst Zeit dafür nehmen.
Impulse
- Mit wem haben Sie das letzte Mal darüber gesprochen, was sie als „böse“ erlebt haben oder was Sie selbst als „böse“ einordnen?
- Können Sie es im gebet vor Gott bringen?
- Zeit ins Kino zu gehen? Der Film „Vaterland“ läuft noch und lohnt sich zum Nachdenken und Einfühlen. Der Schriftsteller Thomas Mann und seine Tochter Erika reisen im Jahr 1949 zum ersten Mal wieder in das nun geteilte Deutschland, dass sie ins Exil verlassen hatten. Wie wird mit der Vergangenheit gesellschaftlich und privat umgegangen?
Welche Mächte prägen die Nachkriegszeit? - Hier der Link zum Hörimpuls zu Hannah Ahrendt (7min) auf der Seite des NDR: Verknüpfung
- Hier der Link zum Dokumentationsfilm „Hannah Arendt und die Gefahren der Gegenwart“ (38 min) in der ARD Mediathek: Verknüpfung
Diese Spur wurde Ihnen gelegt von Ilka Friedrich
Eine gesegnete Woche wünschen Ihnen Ihre Spurenlegerinnen und Spurenleger.
Maren Dettmers, Monika Eberl-Reifenberg, Ilka Friedrich, Hans-Jörg Fritz-Knötzele, Dr. Christoph Klock, Heinz Lenhart, Heiko Ruff-Kapraun, Tobias Sattler, Dr. Hans Jürgen Steubing, Britta Tembe und Dr. Annette Wiesheu
Kirche & Co. – ein Laden der Kirchen für die Menschen in der Stadt
An der Stadtkirche 1, 64283 Darmstadt
Bild: Ilka Friedrich
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